Wie man sicherer Kunst macht, wenn man MCS hat
Das schwierigste Problem für Künstler mit Chemikalienintoleranz ist. Jeder reagiert auf andere Dinge. Das wichtigste Problem für JEDEN Künstler – egal, ob er MCS hat oder nicht – ist eine Überdosis toxischer oder sensibilisierender Chemikalien! Es gibt also keinen allgemein gültigen Rat, was jemand benutzen kann. Sichere Materialien gibt es für MCS-Betroffene in dem Sinne nicht! Aber es gibt einen sicheren Umgang mit Materialien und es gibt ein paar praktische Hinweise, was man beachten muss. Und es gibt Kriterien, die uns ermöglichen, klug zu wählen! Was auch immer Du ausprobieren möchtest: Du selbst bist voll verantwortlich, es auszutesten, bevor du es zu Deinem bevorzugten Malmittel etc. machst! Niemand kennt deinen Gesundheitszustand so gut wie Du! Ich kann Dir an dieser Stelle nur ein paar grundlegende Ratschläge und Wissen aus unserem Erfahrungsschatz weitergeben. Im Laufe der Jahre haben die Creative Canaries genügend Erfahrungen ausgetauscht, um die gängigen Probleme zu kennen. Dieser Artikel würde ohne die Mitwirkungen zahlreicher Künstler aus aller Welt nicht entstanden sein. Ich danke jedem, der seine Erfahrungen mitgeteilt hat, um anderen zu nützen! Zuerst einmal müssen wir generell zwischen toxischen und nicht-toxischen Stoffen unterscheiden lernen! Das zweite Problem ist: Toxische Materialien können vollkommen geruchlos sein, wohingegen nicht-toxische stark riechen können. Dies ist für MCS-Betroffene, die auf Duftstoffe reagieren, ein gravierendes Problem! Sie wählen daher zuweilen toxische Stoffe, die aber nicht riechen – mit Folgen für ihre Gesundheit! Wie die amerikanische Industriehygienikerin Monona Rossol sehr richtig bemerkte, ist Duft an sich keine Gefahr für das Leben – selbst dann nicht, wenn man darauf reagiert. Natürlich müssen MCS-Betroffene wegen starker Reaktionen trotzdem bestimmte Düfte meiden – aber als Ersatz NICHT-duftende und TOXISCHE zu wählen, kann keine kluge Option sein! Was genau toxisch ist, ist oft unbekannt! Bereits Hippokrates wusste, dass häufig die Dosis das Gift ausmacht! Welcher Giftgehalt an einem Stoff ist also für den Menschen tolerabel – welcher nicht? Welche Aussagekraft haben überhaupt so genannte Grenzwerte, die anscheinend beliebig hoch und runter gesetzt werden können, je nachdem, wer gerade in die EU eintreten möchte? Berücksichtigen sie Langzeitwirkungen oder gar Kombinationswirkungen von Chemikalien? In der Regel muss man zum Wissenschaftler werden, um das herauszufinden! Fakt ist: eine Vergiftung kann man durch eine schwere Dosis eines Giftes erleiden – oder aber durch zahlreiche winzige Dosen über viele Jahre. Diese Tatsache wird allzu gerne geleugnet. Würde man sie als wahr annehmen, wäre die Grenzwertfrage plötzlich grenzwertig: jeder hat nämlich andere Toleranzgrenzen! Kumulative Effekte sind schon gar nicht abschätzbar. Wer täglich raucht, trinkt und Lösungsmittel verwendet, hat ganz andere Gefahren zu beachten als jemand, der nichts von alledem tut. Wir können nicht länger so tun, als könne man alles über einen Kamm scheren! Der Mangel an einer Volldeklaration ALLER Inhaltsstoffe auf JEDEM Produkt ist in Deutschland (und nicht nur hier!) ein Problem! Die amerikanischen Safety Sheets sind verglichen damit eine ganz andere Sache! Wir nutzen unsere macht als Verbraucher nur unzureichend. Was wir nicht vehement einfordern, wird man uns nicht zugestehen. Wirtschaftliche Interessen dominieren unser Leben. Dagegen können wir nichts tun – aber wir können die Richtung mitbestimmen, in die unser leben sich bewegt! Naturgemäß wollen alle Hersteller von Künstlermaterialien ihre Rezepte geheim halten. Dem Gesetz nach müssen kleine Anteile von Anti-Schimmel-Mitteln, Schaumverhinderern oder Topfkonservierern nicht deklariert werden. Der Kunde hat meistens keine Ahnung, dass in Acrylfarben Ammonium und Formaldehyd enthalten sind – beide sensibilisierend und toxisch, das letztere sogar als krebserregend eingestuft! Andere Quellen von körperlichen Reaktionen unter MCS-Betroffenen können Holzschutzmittel in Buntstiften sein, Lacke an Bleistiften, Pestizide in Theatervorhängen, Duftstoffe in Bühnenkosmetika, Feinstaub in Kreiden. Es gibt kein Künstlermaterial, das von sich aus als sicher angesehen werde kann! Pastellstifte sind zwar einigermaßen sicher, aber die damit gemalten Bilder müssen fixiert werden – und da beginnt die toxische Komponente. Wir können also nur zu einem sicheren Umgang mit Künstlermaterial kommen, wenn wir Zusammenhänge erkunden und dann die beste Wahl treffen. Hilfsmittel wie Atemschutzmasken, Schutzhandschuhe, Lüftungssysteme, Schutzbrillen und so weiter können uns mehr künstlerische Freiheiten geben – sind aber oft eine taktile Einschränkung! Trotzdem ist es ein Fehler, sie deshalb nicht zu nutzen! Im Anschluss an dies Vorbemerkungen stelle ich ein ABS sicherer Kunst vor, aus dem sich MCS-Betroffene die Grundlagen einer sichereren Kunstbetätigung zusammenstellen können. Die größte Schwierigkeit besteht meistens in dem Glauben, man sei zu krank, um überhaupt Kunst machen zu können. Wer keinen Roman mehr schreiben kann, könnte aber Haikus und Kurzgeschichten erfinden! Wer keine Riesenleinwände mehr malen kann, könnte sich auf Miniaturen spezialisieren! Wo ein Wille ist, ist immer ein Weg! Ich kann hier nicht alles berücksichtigen, was es gibt und werde im Laufe der kommenden Jahre sicher noch vieles ergänzen können und müssen. Es kann hier nicht darum gehen, Markennamen weiterzugeben, da es schon morgen eine Änderung an der Rezeptur geben kann! Außerdem könntest Du darauf reagieren, während ich es nicht tue! Im Falle weiterer Fragen hilft es möglicherweise, ein Netzwerkmitglied zu werden. Wir haben eine deutsche und eine englischsprachige Yahoogruppe, wo man sich austauschen kann – und eine italienische wird als nächstes entstehen. Zudem arbeiten wir mit anderen Gesundheitsverbänden zusammen und haben weltweit Künstlerscouts, die alle Neuentwicklungen in unserem Gebiet auswerten und weitergeben. Eigentlich wäre Monona Rossol der fähigste Mensch, über Safer Art für MCS-Betroffene aufzuklären. Sie arbeitet in New York und berät seit Jahrzehnten Künstler in Gesundheitsfragen – auch mehr als 1000 MCS-Künstler. Als ich sie 2005 bat, einen Artikel spezifisch für MCS-Künstler zu schreiben, fand sie es eine großartige Idee – aber sie verwies darauf, zu viel zu tun zu haben. Ich habe mich mehrfach mit ihr ausgetauscht und werde nun hiermit die Grundlagen für ein besseres Wissen zum Thema in den deutschsprachigen Ländern legen. |